Nur drei Fragen,
Herr Präsident!
„Nicht Zuschauer, sondern Architekten der mobilen Neuromedizin“: Neuer Präsident der DGKN treibt smarte Technologien voran

Prof. Rainer Surges (51) steht für eine smarte, mobile Medizin, die nah am Alltag der Menschen ist: Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Epileptologie am Universitätsklinikum Bonn treibt die Translation von Labordaten in patientennahe, digitale Gesundheitstechnologien voran – von innovativen Wearables und mobilen Systemen bis zu KI-basierter Datenanalyse, etwa zur Anfallserkennung und Bildauswertung in der Epileptologie. In seiner Klinik fördert er die Nutzung prächirurgischer EEG-Daten aus der Epilepsiediagnostik für die Kognitions- und Gedächtnisforschung und ermöglicht so einzigartige Einblicke in das arbeitende menschliche Gehirn. Als neuer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) e.V. will er die Weichen stellen, um die wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft aktiv in die Weiterentwicklung und Implementierung mobiler Gesundheitstechnologien einzubinden.
1.
Sie stellen das Motto „Smarte Technologien machen mobil“ in den Mittelpunkt des DGKN-Kongresses 2027. Wie werden mobile Gesundheitstechnologien die Neuromedizin verändern? Welche Rolle spielt die DGKN als Fachgesellschaft dabei?
Mobile Gesundheitstechnologien werden unseren Blick auf neurologische Erkrankungen grundlegend verändern. Zum ersten Mal können wir medizinische Daten nicht nur punktuell unter künstlichen Bedingungen im Labor oder in der Klinik erfassen, sondern kontinuierlich im Alltag, im Beruf, im Schlaf oder bei Stress. Wir sehen Erkrankungsdynamiken, Kontextfaktoren und individuelle Rhythmen, die im stationären Setting oft verborgen bleiben. Das wird das Forschungsbild, das Outcome-Maß klinischer Studien und das Therapiemonitoring verändern und ermöglicht eine Neuromedizin, die nicht nur reagiert, sondern zunehmend antizipiert. Perspektivisch können Therapien dadurch adaptiver, personalisierter und präziser gesteuert werden – für eine wirklich individualisierte Versorgung.
Aktuell sind alle entscheidenden Voraussetzungen für die effiziente Entwicklung mobiler Gesundheitstechnologien gegeben: leistungsfähige Sensoren, ausgereifte KI-Methoden zur Datenanalyse und der Zugang zu medizinischen Daten. Aber es gibt noch kein konsentiertes Konzept, um das gesundheitspolitisch voranzutreiben. Die DGKN hat hier die Chance, diese Entwicklung mitzugestalten, statt nur zu verwalten. Wir müssen Standards definieren, Qualität sichern und Fortbildungsangebote entwickeln, die die Ärzteschaft im Umgang mit Daten, Algorithmen und KI schulen. Ebenso wichtig ist der gesundheitspolitische Dialog mit Kostenträgern und Regulierungsbehörden: Wie werden ärztliche Leistungen im Kontext digitaler Technologien angemessen abgebildet und vergütet? Wie sichern wir Datenschutz und wissenschaftliche Validität? Mein Ziel ist, dass wir nicht nur Zuschauer einer technologischen Revolution sind, sondern Architekten einer verantwortungsvollen, patientenzentrierten digitalen Neuromedizin. Der interdisziplinäre DGKN-Kongress, auf dem viele Fachbereiche, Unternehmen und Stakeholder zusammenkommen, ist das perfekte Forum, um diese Diskussion anzustoßen und zu begleiten.
2.
Die Epilepsieforschung in Bonn nutzt prächirurgische EEG-Daten für Kognitions- und Gedächtnisstudien am arbeitenden Gehirn – als eines der weltweit führenden Zentren in diesem Bereich. Wie muss man sich den Zusammenhang vorstellen? Und welchen Beitrag leisten Sie damit für die Hirnforschung und klinische Anwendungen?
Die prächirurgische Epilepsiediagnostik bietet uns die nahezu einzigartige Möglichkeit, neuronale Aktivität direkt im arbeitenden menschlichen Gehirn zu messen. Bei ausgewählten Patientinnen und Patienten mit therapieresistenter fokaler Epilepsie implantieren wir aus klinischer Indikation Tiefenelektroden, um den Anfallsursprung zu identifizieren. Mit speziellen Mikroelektroden können wir dabei ergänzend zur klinischen Fragestellung mit Zustimmung der Betroffenen die elektrische Aktivität einzelner Nervenzellen ableiten – mit einer Präzision, die sonst nur im Tiermodell erreichbar ist.
Das Universitätsklinikum Bonn ist eines der führenden Zentren in Europa und weltweit, das diese außergewöhnliche Brücke zwischen Krankenversorgung und Hirnforschung ermöglicht. So haben unsere hochspezialisierten Neurowissenschaftler fundamentale Erkenntnisse hinsichtlich der Mechanismen von Gedächtnisbildung, Wahrnehmung und Konzeptrepräsentation beim Menschen gewonnen. Es wurden beispielsweise „Konzeptneuronen“ identifiziert, die nicht nur auf ein bestimmtes Bild, sondern auf die dahinterstehende inhaltliche Bedeutung reagieren. Darüber hinaus untersuchen wir Strukturen wie den Hippocampus, der auch bei neurodegenerativen Erkrankungen eine zentrale Rolle spielt, etwa bei Alzheimer-Krankheit. Unsere Forschung verbindet also existenzielle Fragen zu Identität und Erinnerung mit neuen Perspektiven für zukünftige Diagnostik und Therapien.
3.
Welche weiteren Vorhaben für die DGKN und Klinische Neurophysiologie werden in Ihrer Amtszeit besonders im Fokus stehen?
Ich möchte in meiner einjährigen Amtszeit Weichen stellen für eine inhaltliche und strategische Weiterentwicklung der DGKN im Zeitalter smarter Gesundheitstechnologien. Die Klinische Neurophysiologie steht an einem Wendepunkt: Technologischer Fortschritt, künstliche Intelligenz und neue regulatorische Rahmenbedingungen verändern unser Fach rasant. Die DGKN muss diesen Wandel nicht nur begleiten, sondern strategisch führen und systematisch in ihre Fortbildungs- und Zertifizierungsstrukturen integrieren.
Darüber hinaus sehe ich Entwicklungspotenzial in der gesundheitspolitischen Positionierung. Wenn wir medizinische Datennutzbarkeit klug gestalten, können wir echte „Big Data“ schaffen und damit Forschung auf ein neues Niveau heben. Wir brauchen klare Konzepte, wie digitale Anwendungen validiert, in Studien geprüft und anschließend in die Versorgung überführt werden können. Auch Fragen der Vergütung und der strukturellen Verankerung neuer Aufgabenfelder gehören dazu. Gleichzeitig liegt großes Potenzial im Nachwuchs und in der interdisziplinären Vernetzung – etwa mit der Informatik sowie Ingenieur- und Rechtswissenschaften. Wenn es uns gelingt, wissenschaftliche Innovation, klinische Exzellenz und gesundheitspolitische Verantwortung zu verbinden, ist die Klinische Neurophysiologie hervorragend für die Zukunft aufgestellt.