Bald hundert Jahre Neurophysiologie.

Vom EEG zur DGKN – von der Wissenschaft in die Klinik. Blick in die Zukunft – Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Neurophysiologie-Labor im Jahr 1986
Neurophysiologie-Labor im Jahr 1986. Quelle: © Sputnik/Alamy

Die Geschichte der DGKN beginnt schon zweieinhalb Jahrzehnte vor der Gründung der Deutschen EEG-Gesellschaft im Jahr 1950: 1924 mit der Erfindung des EEGs. Mit dem EEG war es erstmals möglich, ohne invasive Techniken die Aktivitäten des Gehirns zu beobachten und zu analysieren. Heute bereichern zahlreiche weitere Methoden das neurophysiologische Methodenspektrum. Seit 1996 heißt die Deutsche EEG-Gesellschaft folgerichtig „Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung – DGKN“. Und doch zählt das EEG fast hundert Jahre nach seiner Erfindung zu den Basismethoden in der neurologischen Diagnostik und der Gehirnforschung.

Die Gesellschaft übernimmt im Lauf der Jahrzehnte immer stärker Verantwortung für die Qualitätssicherung. War die Deutsche EEG-Gesellschaft noch als rein wissenschaftliche Vereinigung gegründet worden, definiert die DGKN heute die Standards aller neurophysiologischen Methoden. In ihren Kommissionen arbeiten Experten, die Empfehlungen für fachspezifische Fragestellungen entwickeln. Die DGKN bildet in neurophysiologischer Methodik aus, zertifiziert und sichert eine hohe Qualität nicht allein in der Diagnostik, sondern auch in der neurophysiologischen Therapie. Stets ist der vitale Austausch zwischen Forschung und Klinik sowie die Förderung talentierter Nachwuchsforscher und -kliniker ein großes Anliegen der DGKN.

1924

HansBerger Univ Jena 640

Hans Berger in Jena. Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena

Der in Jena tätige Neurologe und Psychiater Hans Berger (1873–1941) entwickelt die Methodik der Ableitung von Hirnströmen per Elektroenzephalografie (EEG). Seine herausragende Erfindung wird als Geburtsstunde der heutigen Klinischen Neurophysiologie angesehen.

1924

1930er- und 40er-Jahre

In den 1930er-Jahren avanciert das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch zum international größten multidisziplinären Hirnforschungsinstitut und damit zum „Mekka“ für die Elektroenzephalografie. In diesem Hirnforschungsinstitut gibt es eine neurophysiologische und eine physikalisch-elektrische Abteilung.

Alois Kornmueller

Die neurophysiologische Abteilung leitet Alois Kornmüller, einer der Pioniere des EEGs. Seine Abteilung ist eines der wichtigsten Zentren der Elektroneurophysiologie in den 1930er- bis 1940er-Jahren in Deutschland. Er ist eines der Gründungsmitglieder der Deutschen EEG-Gesellschaft und von 1958 bis 1959 deren fünfter Präsident.

Jan Friedrich Tönnies

Die Leitung der physikalisch-elektrischen Abteilung in Berlin-Buch hat der Entwickler von elektronischen Mess- und Registriergeräten, Jan Friedrich Tönnies, inne. Er beschäftigt sich mit der Verstärkung der Signale und erfindet unter anderem das erste selbstschreibende EEG-Gerät, den Neurografen. Auch er ist ein Gründungsmitglied der Deutschen EEG-Gesellschaft.

17. April 1950

Richard Jung

Quelle: © privat

Auf dem Wiesbadener Internistenkongress wird auf Betreiben von Richard Jung die Deutsche EEG-Gesellschaft gemeinsam mit interessierten Ärzten gegründet. Richard Jung (1911–1986) war einer der renommiertesten klinischen, forschenden und lehrenden Neurologen in Deutschland und Professor der Neurophysiologie. Ab 1968 wirkt er als Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Freiburg. 1950–1952 ist er der erste Präsident der Deutschen EEG-Gesellschaft.

17. April 1950

1951

kornmueller 113

Die Bezeichnung „Deutsche EEG-Gesellschaft“ wird offiziell. Die Gesellschaft wird Mitglied in der International Federation of Societies for Electroencephalography and Clinical Neurophysiology (IFSECN).

Juni 1951

In Heidelberg findet die erste Jahrestagung der Deutschen EEG-Gesellschaft mit 42 Mitgliedern statt.

Juni 1951

60er-Jahre

Die Deutsche EEG-Gesellschaft führt auf ihren Jahrestagungen neben den wissenschaftlichen Diskussionen erste Fortbildungskurse durch, die seitdem erheblich zur Steigerung der Qualität im Bereich der Krankenversorgung beitragen.

1969

Die „Klinische Neurophysiologie", das Publikationsorgan der DGKN und der Österreichischen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie, wurde 1969 unter dem Namen EEG-EMG, Zeitschrift für Elektroenzephalografie, Elektromyografie und verwandte Gebiete" („EEG-Journal“) für den deutschsprachigen Raum gegründet. Gründungsherausgeber waren H. Caspers (Münster), R. Hess (Zürich), S. Kubicki (Berlin), J. Kugler (München), H. Petsche (Wien) und A. Struppler (München). Damals explodierte die Klinische Neurophysiologie förmlich durch die enormen Fortschritte im Bereich der Medizinelektronik und die einsetzende Digitalisierung.

1969

70er-Jahre

Seit Anfang der 1970er-Jahre muss vor der Erteilung der Mitgliedschaft eine Aufnahmeprüfung abgelegt werden. Die Prüfungen verbessern die Ausbildung deutlich und erhöhen die Qualität in den Kliniken und Praxen nachhaltig. Bis heute ist ein Methoden-Zertifikat Voraussetzung für eine vollwertige Mitgliedschaft.

1971

Paul C. Lauterbur erfindet das bildgebende Verfahren Magnetresonanztomografie (MRT) und Peter Mansfield entwickelt Algorithmen, um die Signale in Schichten aufzuzeichnen und in Bildinformationen umzuwandeln.

1971

90er-Jahre

Die DGKN sieht den wachsenden Bedarf, die Standards neurophysiologischer Methoden in der Klinik zu überwachen.
Die Gesellschaft übernimmt diese Funktion und führt Zertifizierungen ein.

1990

Sieji Ogawa und Tso-Ming Lee entwickeln mit weiteren Kollegen die nicht invasive Technik funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT), mit der die Änderungen des Blutflusses im Gehirn nach einer neuronalen Aktivierung beobachtet werden können – ein indirekter Nachweis für die Aktivität bestimmter Hirnareale.

1990

1996

Die Deutsche EEG-Gesellschaft benennt sich um in „Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung – DGKN“. Dies war notwendig geworden,
nachdem sich neben dem EEG viele weitere Methoden der Klinischen Neurophysiologie – u.a. das fMRT für die „funktionelle Bildgebung“ – etabliert hatten.

1997

Nach der Umbenennung der Gesellschaft ändert auch das „EEG-Journal“ seinen Namen in „Klinische Neurophysiologie – Zeitschrift für Funktionsdiagnostik des Nervensystems“. Die Namensänderung signalisiert, dass gezielt auch Gebiete wie Physiologie der Motorik, Elektrookulografie, Funktionsdiagnostik des autonomen Nervensystems, kognitive Neurophysiologie, Schlafmedizin und moderne Ultraschall-Sonografie integriert sind.

1997

2006

Auf der 50. Jahrestagung in Bad Nauheim im März 2006 erhält das Fortbildungsprogramm der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung ein eigenes Profil: Das Richard-Jung-Kolleg als Fortbildungsakademie wird aus der Taufe gehoben.

2014

Die DGKN ist im März 2014 Gastgeber für den 30. ICCN (International Congress of Clinical Neurophysiology) der IFCN und veranstaltet ihn gemeinsam mit ihrer 58. Jahrestagung in Berlin. Die Veranstaltung ist äußerst erfolgreich. Beide Kongresse zusammen verzeichnen eine Teilnehmerzahl von etwas mehr 3200.

2014

2015

Die Hirntoddiagnostik wird novelliert. Bei diesem gesellschaftlich intensiv diskutierten Thema hat sich die DGKN mit ihrer wissenschaftlichen Expertise in Beratungsgremien stark engagiert und maßgeblich zur Verbesserung der Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls beigetragen.

2018

Gründung der Jungen Klinischen Neurophysiologen zur Förderung des Nachwuchses.

2018

2020

Der Vorstand der DGKN veröffentlicht eine kritische Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Beziehungen von für die Gesellschaft wichtigen und namensgebenden Persönlichkeiten zum Nationalsozialismus.

Ausblick: Die 2020er-Jahre

Die Neurophysiologie spielt heute eine wichtige Rolle bei der weiteren Erforschung der höheren menschlichen Funktionen, der kognitiven Prozesse in unserem Gehirn. Wichtige Felder der klinischen Forschung sind die Entschlüsselung neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson, die Erforschung von neuronalen Systemen und Systemerkrankungen oder neue Epilepsie-Therapien. Der Grad an Interdisziplinarität steigt massiv: Virtual Reality, Big Data und künstliche Intelligenz sind wesentliche Bereiche, die den Fortschritt in der Neurophysiologie beflügeln.

Ausblick: Die 2020er-Jahre

Quellen

 

Kubicki S: Zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie – Das Vorspiel im Hirnforschungsinstitut zu Berlin-Buch, Klinische Neurophysiologie 2003; 34(2): 94–98; DOI: 10.1055/s-2003-40129

Dengler R: 50 Jahre „Klinische Neurophysiologie“. Klinische Neurophysiologie 2019; 50(01): 7; DOI: 10.1055/a-0819-9710

Sparing F, Baumann T, Martin M, Fangerau H: Frage der „NS-Belastung“ und Mitgliedschaften in NS-Organisationen; Klinische Neurophysiologie 2020; 51(01): 7–13; DOI: 10.1055/a-1064-6262

Sparing F, Baumann T, Martin M, Fangerau H: Neurophysiologen im Nationalsozialismus – Hans Berger, Paul Hoffmann, Richard Jung und Alois E. Kornmüller; Klinische Neurophysiologie 2020; 51(01): 14–41
DOI: 10.1055/a-1080-0655