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„Intelligente“ Neuromodulation: Die nächste Generation personalisierter neurotechnologischer Therapien

Pressekonferenz 2026 – Mit der Zulassung der ersten adaptiven Tiefen Hirnstimulation (aTHS) im Jahr 2025 in den USA und Europa steht eine neue Generation „intelligenter“ Hirnschrittmacher für die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Morbus Parkinson zur Verfügung. Sie ermöglicht eine personalisierte, bedarfsgerechte Stimulation, die sich an die individuelle Hirnaktivität anpasst. Erste klinische Anwendungen zeigen vielversprechende Ergebnisse [1]. „Smarte Hirnschrittmacher markieren einen Wendepunkt in der Neuromedizin – sie eröffnen neue Perspektiven für die neurotechnologische Behandlung eines breiten Spektrums neurologischer Erkrankungen“, sagt Prof. Dr. Andrea Kühn, Direktorin der Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation an der Klinik für Neurologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, anlässlich des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung 2026.

Die adaptive Tiefe Hirnstimulation (aTHS) gilt als Prototyp der nächsten Generation „intelligenter“ Hirnschrittmacher. Im Unterschied zur herkömmlichen THS, die kontinuierlich elektrische Impulse mit fester Amplitude sendet, passen adaptive Systeme die Stimulation in Echtzeit an krankheitstypische Hirnsignale an, insbesondere Beta-Oszillationen im Nucleus subthalamicus, die mit den motorischen Symptomen korrelieren („closed loop“). Die THS gehört heute zur symptomatischen Standardtherapie bei fortgeschrittenem Morbus Parkinson und wird zur Behandlung verschiedener Tremor- und Dystonie-Formen eingesetzt.

„Die Zulassung des ersten kommerziellen adaptiven THS-Systems ist ein Meilenstein jahrzehntelanger Grundlagen- und Translationsforschung, zu dem unsere und weitere Arbeitsgruppen maßgeblich beigetragen haben“, betont Prof. Kühn. Sie ist Sprecherin des transregionalen Sonderforschungsbereichs ReTune (TRR 295), in dem Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie sieben weiterer international renommierter Universitäten in Düsseldorf, Potsdam, Leipzig, Rostock und Jerusalem seit 2020 an der Weiterentwicklung personalisierter Neuromodulationstechnologien arbeiten. Der Verbund wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Erste klinische Erfahrungen bestätigen das Potenzial

Seit Januar 2025 werden erste Parkinson-Patientinnen und -Patienten an spezialisierten Zentren, unter anderem in Berlin und Würzburg, mit dem neu zugelassenen adaptiven System behandelt. Eine Pilotstudie der Berliner ReTune-Forschungsgruppe, veröffentlicht im August 2025 in NPJ Parkinson’s Disease, untersuchte acht Patientinnen und Patienten, bei denen die klassische kontinuierliche THS keine zufriedenstellenden Ergebnisse mehr erzielt hatte. Bei den Betroffenen zeigte sich eine signifikante Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens, bei drei Patienten auch speziell eine Verbesserung der Bewegungsfähigkeit; sechs entschieden sich langfristig für die adaptive Stimulation. Viele Betroffene berichteten zudem über eine geringere Belastung durch therapiebedingte Nebenwirkungen und ein natürlicheres Bewegungsgefühl im Alltag [1]. „Das Verfahren eignet sich nicht für alle Betroffenen“, erklärt Prof. Kühn, Letztautorin der Studie. „Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass adaptive THS insbesondere dort eine vielversprechende Option ist, wo die konventionelle Stimulation an ihre Grenzen stößt.“

Weitere Forschung und Integration in den Versorgungsalltag

Eine der Herausforderungen für die Weiterentwicklung der adaptiven THS hin zu einer breiten klinischen Anwendung ist somit die zuverlässige Identifikation geeigneter Patientengruppen. Zudem müssen die Programmierung standardisiert und komplexe Softwarelösungen in den klinischen Alltag integriert werden. Auch regulatorische Fragen, Schulungsbedarfe und die Erstattung durch Gesundheitssysteme spielen eine zentrale Rolle.

Ergänzend entwickeln die Forschenden in Berlin und Würzburg KI-gestützte Assistenzsysteme wie StimFit [2]. Diese unterstützen mithilfe von Neuroimaging-Daten und intraoperativen Messungen die optimal angepasste Feinabstimmung der individuellen Stimulationsparameter – bislang ist das für die Betroffenen ein langwieriger Prozess. Die Erstellung von „Landkarten“ gestörter Hirnnetzwerke für verschiedene neurologische Erkrankungen ermöglicht zusammen mit einer speziellen Software die präzise Platzierung der Elektroden im Nucleus subthalamicus [3]. In einer im Januar 2026 publizierten Studie gelang es den ReTune-Arbeitsgruppen aus Berlin und Düsseldorf mittels Magnetenzephalographie (MEG) zu zeigen, welches Netzwerk für einen optimalen Therapieeffekt mit THS zur Behandlung der zervikalen Dystonie moduliert werden muss. Die Ergebnisse zeigen, dass der Therapieerfolg entscheidend von einem spezifischen Muster niederfrequenter Hirnaktivität in motorischen Netzwerken abhängt [4]. Forschende in Würzburg entwickeln einen neuartigen Algorithmus, der die besten individuellen Stimulationsparameter bei Dystonie mit sehr hoher Präzision vorhersagen soll [5]. Eine im Februar 2026 veröffentlichte Studie konnte erstmals das optimale Gehirnnetzwerk zur effektiven THS bei Parkinson präzise räumlich und zeitlich definieren [6]. Der wissenschaftliche Fokus des ReTune-Verbundes liegt aktuell auf kontextabhängigen Stimulationsverfahren, die sich an Schlaf, Bewegung oder Stress anpassen.

Von Epilepsie bis Depression: Potenzial für neue Therapien

Die adaptive THS gilt nicht nur als Meilenstein in der Parkinson-Therapie, sondern auch als Modell für zukünftige personalisierte, KI-gestützte Neuromodulationssysteme bei anderen Indikationsstellungen. Für Parkinson konnte erstmals ein definierter neurophysiologischer Biomarker als Feedbacksignal zur adaptiven Regulation der Stimulation genutzt werden. Zukünftige Entwicklungen zielen darauf ab, komplexere und multimodale Biomarker zu erfassen und diese mittels Machine-Learning-Ansätzen in selbstlernende Systeme zu integrieren, die eine autonome und kontinuierliche Anpassung der Stimulationsparameter an individuelle Krankheitsverläufe ermöglichen. Ergänzend könnte die Einbindung von Wearables oder direktem Patientenfeedback dazu beitragen, die Therapie noch stärker zu individualisieren. Studien zeigen, dass Hirnstimulation auch bei anderen Bewegungsstörungen, Tourette-Syndrom, Huntington sowie bei Zwangsstörungen und Depressionen wirksam sein kann. Hier müssen geeignete Biomarker für die adaptive Stimulation  weiter erforscht werden. „Langfristig wollen wir die Tiefe Hirnstimulation zu einem intelligenten Brain-Computer-Interface weiterentwickeln, das krankhafte Hirnaktivität gezielt reguliert und zugleich gesunde neuronale Prozesse unterstützt“, so Prof. Kühn.

Literatur

[1] Busch JL, Kaplan J, Behnke JK, et al. Chronic adaptive deep brain stimulation for Parkinson's disease: clinical outcomes and programming strategies. NPJ Parkinsons Dis. 2025;11(1):264. Published 2025 Aug 29. doi:10.1038/s41531-025-01124-7

[2] Roediger J et al. Automated Deep Brain Stimulation programming based on electrode location – a randomized, crossover trial using a data-driven algorithm. The Lancet Digital Health 2022 Dec 15. doi: 10.1016/S2589-7500(22)00214-X

[3] Hollunder B, Ostrem JL, Sahin IA, et al. Mapping dysfunctional circuits in the frontal cortex using deep brain stimulation. Nat Neurosci. 2024;27(3):573-586. doi:10.1038/s41593-024-01570-1

[4] Bahners BH, Lofredi R, Voss H, et al. Spatial signature of low-frequency network changes accounts for pallidal stimulation outcome in cervical dystonia. EBioMedicine. Published online January 28, 2026. doi:10.1016/j.ebiom.2026.106140

[5] Lange F, Roothans J, Wichmann T, Gelbrich G, Röser C, Volkmann J, Reich M. DIPS (Dystonia Image-based Programming of Stimulation: a prospective, randomized, double-blind crossover trial). Neurol Res Pract. 2021 Dec 20;3(1):65. doi: 10.1186/s42466-021-00165-6.

[6] Bahners BH, Goede LL, Zvarova P, et al. The deep brain stimulation response network in Parkinson's disease operates in the high beta band. Brain. Published online February 6, 2026. doi:10.1093/brain/awaf445

Kontakt zur Pressestelle der DGKN

Sandra Wilcken, c/o albertZWEI media GmbH, Tel.: +49 (0) 89 461486-11, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.


Die Online-Pressekonferenz anlässlich des Kongresses für Klinische Neurowissenschaften 2026 fand am 23.2.2026 statt, einen Mitschnitt finden Sie hier: www.dgkn.de/presse.
Journalistinnen und Journalisten  können sich über das Kongressportal kostenlos für den DGKN-Kongress registrieren: www.kongress-dgkn.de

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Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) e.V. vertritt die Interessen von Medizinerinnen und Medizinern sowie Forschenden, die auf dem Gebiet der klinischen und experimentellen Neurophysiologie tätig sind. Die wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft mit 4.600 Mitgliedern fördert die Erforschung von Gehirn und Nerven, sichert die Qualität von Diagnostik und Therapie neurologischer Krankheiten und treibt Innovationen auf diesem Gebiet voran. Sie ist aus der 1950 gegründeten „Deutschen EEG-Gesellschaft“ hervorgegangen. www.dgkn.de