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Digital Healthcare: wie die Digitalisierung Forschung und Versorgung verändert

Big Data, künstliche Intelligenz, Gesundheits-Apps und Video-sprechstunde – der digitale Wandel hat auch die Medizin und die Neurologie erreicht und könnte das Gesundheitswesen fundamental verändern. Die Digitalisierung schafft neue Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten, fördert die personalisierte Medizin, erleichtert die Kommunikation der Akteure und ermöglicht es, PatientInnen stärker an der Behandlung zu beteiligen. Sie birgt aber auch Risiken, etwa beim Datenschutz. „Das beste Beispiel für diese Entwicklung sind die sogenannten digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA). Die Apps auf Rezept werden PatientInnen stärker in die Behandlung einbinden und gleichzeitig datengetriebene Forschung enger mit dem Versorgungsalltag verbinden. Das hat Auswirkungen auf Zusammenarbeit, Transparenz und Qualitätskontrolle in der Medizin. Wichtig ist, dass ÄrztInnen, TherapeutInnen, aber auch PatientInnen sich an diesem Prozess der Veränderung beteiligen“, so die Einschätzung von Prof. Jochen Klucken, Professor für Digitale Medizin an der Universität Luxembourg, auf dem Kongress für Klinische Neurowissenschaften der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) 2022.
 
Digitale Tools in Diagnostik und Therapie

Die Chancen digitaler Hilfsmittel zeigen sich nicht zuletzt bei komplexen chronischen Erkrankungen wie Morbus Parkinson: „An der Behandlung können rund 19 Berufsgruppen beteiligt sein. Eine gute digitale Vernetzung kann hier einen hohen Grad an Effizienz erzeugen, um die Therapie eng auf die Symptome hin abzustimmen“, erklärte Prof. Klucken. Digitale Tools können sowohl für das Monitoring eingesetzt werden („Digital Diagnostics“) als auch bei der Therapieunterstützung („Digital Therapeutics“). „Mit der Entwicklung digitaler Tools und künstlicher Intelligenz erweitert sich die Diagnostik zunehmend von der Arztpraxis in den Home-Bereich“, so Prof. Klucken. So können Parkinson-Betroffene und BehandlerInnen z. B. mittels tragbarer Sensoren erhobene Bewegungsprofile über das Internet teilen und besprechen und gleichzeitig Real-World-Daten für Forschung und Versorgung sammeln. Tragbare Sensoren kommen außerdem bei Menschen mit Epilepsie zum Einsatz, um motorische Anfälle frühzeitiger zu erkennen. Eine vielversprechende neue Technik im Bereich der Therapieunterstützung, deren Entwicklung nicht zuletzt durch die Covid-Pandemie beschleunigt wurde, ist die Überwachung von Schrittmachern zur Tiefen Hirnstimulation (THS) per Fernzugriff über eine App. Digitale Maßnahmen zur Therapieunterstützung könnten aber nicht nur die Behandlung verbessern, sondern zugleich mehrere Aspekte der klinischen Praxis optimieren: zum Beispiel die mit Routinevisiten verbundenen Kosten in Krankenhäusern oder Arztpraxen senken, die Adhärenz der PatienInnen steigern oder zur Zeitersparnis in der Kommunikation zwischen PatientInnen und ÄrztInnen und bei administrativen Aufgaben beitragen.

Virtual Reality in der Neurorehabilitation

In der Neurorehabilitation kommen Virtual-Reality-Technologien bereits vielfältig zum Einsatz, zum Beispiel, um PatientInnen mit motorischen Beeinträchtigungen, Gleichgewichtsstörungen und Gangstörungen zu unterstützen. Virtual-Reality-Technologien eignen sich zur motorischen Rehabilitation der oberen und unteren Extremitäten und zur Verbesserung der Propriozeption zum Beispiel nach einem Schlaganfall. „Dieser Ansatz trägt dazu bei, residuale motorische Fähigkeiten zu aktivieren und auszubauen“, schilderte Prof. Klucken. Erste Studienergebnisse deuten auf eine Verbesserung der Koordination, der Bewegungsgeschwindigkeit und der feinmotorischen Geschicklichkeit hin. Virtual-Reality-Interventionen können außerdem zu einer Verringerung der Schmerzintensität bei chronischen Schmerzen beitragen. 

Digitale Unterstützung bei kognitiven Einschränkungen

Im Bereich der kognitiven Rehabilitation und Verbesserung der Neuroplastizität des Gehirns sind tabletbasierte Anwendungen für PatientInnen mit Aphasie, Sprach- und kognitiven Defiziten, die durch Schlaganfall, Hirntrauma und andere neurologische Erkrankungen verursacht werden, in der Forschungspipeline. Eine maßgeschneiderte Anwendungssoftware für ein intensives und personalisiertes kognitives Selbsttraining zu Hause wurde zum Beispiel bei PatientInnen mit Multipler Sklerose erfolgreich getestet. Hier führten digitale Interventionen zu erheblichen und dauerhaften Verbesserungen der Reaktionsfähigkeit. Es sind aber auch Tools für Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und mentales Flexibilitätstraining bei neurokognitiven Störungen wie zum Beispiel Alzheimer denkbar.

Den digitalen Wandel in der Medizin gemeinsam voranbringen

„Patientenzentrierte Gesundheitstechnologien bieten eine große Chance, erstklassige Medizinprodukte zu entwickeln, die das Leben der Patientinnen und Patienten verbessern“, sagte Prof. Klucken. Um eine fundierte Grundlage für die Verwendung von digitalen Maßnahmen in der klinischen Routineversorgung zu schaffen, seien aber vermehrt translationale Studien erforderlich. Zur Stärkung der Evidenz müsse nicht nur der medizinische Nutzen bewertet werden, sondern auch Aspekte wie Integration in Gesundheitsabläufe, gesellschaftliche Akzeptanz, Zugang zur Versorgung, personalisierte Gesundheitsökonomie sowie ethische und rechtliche Fragen in Bezug auf Datensicherheit und Patientendatenschutz. Auch gehe es darum, die Gesundheitstechnologien an die individuellen Bedürfnisse des Patienten anzupassen. „Wir haben oft erlebt, dass es zwar gute Ideen gibt, dass diese es aber nicht zu den Patientinnen und Patienten schaffen“, so Prof. Klucken. Daher sei es von entscheidender Bedeutung, Betroffene, Forschende und Angehörige der Gesundheitsberufe zusammenzubringen, um diese digitalen Werkzeuge gemeinsam zu entwickeln und ihr Nutzen-Risiko-Verhältnis richtig einzuschätzen. „Die Apps auf Rezept sind nicht nur eine medizinische, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, so Prof. Klucken.