Nur drei Fragen,
Herr Präsident!

„Junge ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen können in der Neurophysiologie eine hochinnovative Ära mitgestalten!“

Professor Felix Rosenow

Professor Felix Rosenow leitet das Epilepsiezentrum am Universitätsklinikum in Frankfurt. Außerdem ist er designierter Präsident der DGKN sowie Kongresspräsident der DGKN-Jahrestagung 2021. Er nimmt die Herausforderung an, in nur drei Antworten die Faszination Neurophysiologie umfassend zu beschreiben. So viel sei vorweg verraten: Von Erkrankungsvorhersagen über Gesundheits-Apps bis hin zu künstlicher Intelligenz ist alles dabei, was moderne Medizin ausmacht. Zudem macht er das Angebot: You love Neurophysiology? "You" are welcome!

Video: Forschung zur Multispulen-TMS in Tübingen
Video: Forschung zur Multispulen-TMS in Tübingen © Messe Düsseldorf/Medica

1.
Die Klinische Neurophysiologie gilt als äußerst innovativer Zweig der Neurologie, die „Schlüsselmedizin des 21. Jahrhunderts“. Auf welche Fortschritte können wir gespannt sein?

Die Klinische Neurophysiologie steht vor Entwicklungssprüngen, die wir noch nie erlebt haben. Junge ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen können sich darauf freuen, eine hochinnovative Ära mitzugestalten! Unsere Wissenschaftscommunity arbeitet an zahlreichen bahnbrechenden Entwicklungen. Den Innovationstakt beschleunigen dabei künstliche Intelligenz, Machine Learning und weltweiter Datenaustausch, Virtual Reality und Genetik sowie die enge Verzahnung medizinischer und naturwissenschaftliche Fächer wie Neuroradiologie, Pharmakologie und Biochemie. Diese interdisziplinäre Arbeit ist der Schlüssel für den Fortschritt.

In der Entwicklung befinden sich zum Beispiel so faszinierende Konzepte wie die Verwendung von Elektroenzephalografie-Daten als prädiktive Biomarker, die neurologische Erkrankungen anhand der Hirnstrommuster schon detektieren, bevor sie klinisch auffällig sind. Damit ist eine sehr frühe therapeutische Intervention möglich und somit eine deutlich bessere Prognose für die Patienten. Dies wird beispielweise bei der Entstehung von Epilepsien, aber auch bei der Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen relevant werden.

Auch die Echtzeitdatenanalyse bietet bisher ungeahnte Möglichkeiten: In Verbindung mit Algorithmen aus der künstlichen Intelligenz können spezifische Hirnareale durch Hirnstimulation moduliert und innerhalb von Millisekunden kontrolliert werden, sodass in der Summe zum Beispiel ein entgleistes Bewegungsmuster normalisiert wird. Neurophysiologische Therapie wird damit zu einer immer häufiger einsetzbaren personalisierten Therapieoption. Wir sind dabei nicht mehr nur auf die eigenen Daten angewiesen, sondern können auf die wachsende Zahl weltweiter Datensammlungen von internationalen Registern zurückgreifen, wie es schon heute etwa in der genetischen Forschung und in der Bildgebung möglich ist.

Hans Berger
Der erste Lauschangriff aufs Gehirn: Im Jahr 1924 entwickelte der Jenaer Mediziner Hans Berger das EEG.

2.
Vor über 90 Jahren erfand Hans Berger das EEG – der erste Lauschangriff auf das Gehirn und der Startpunkt der Klinischen Neurophysiologie. Warum sind mit dieser langen Tradition Fortbildung und Qualitätssicherung von elektrophysiologischen bzw. bildgebenden Verfahren durch die DGKN immer noch so wichtig?

Die Formel ist ganz einfach: Je schneller der Fortschritt, desto mehr gewinnen Fortbildung und Qualitätssicherung an Bedeutung. Gefühlt fast täglich gibt es Veröffentlichungen und Entwicklungen, die neurophysiologische Diagnostik und Therapie verbessern.

Denken Sie nur an den großen Bereich der Telemedizin, deren Anwendungsspektrum nicht zuletzt durch die gesetzlichen Rahmenbedingungen rasch wächst: In mehreren durch den Bund oder die Länder geförderten Projekten wird derzeit erprobt, wie teleneurologische Netzwerke die Diagnostik und Therapie von Patienten verbessern können. Regional erhobene Daten – zum Beispiel EEG und MRT, Patientenvideos und klinische Befunde – können zeitnah an Spezialisten an einem anderen Ort übermittelt und dort befundet werden. Fragen wie „Liegt eine Indikation zur Epilepsiechirurgie vor?“ oder „Kann eine Patientin mit Morbus Parkinson erfolgreich mit Tiefer Hirnstimulation behandelt werden?“ müssen nicht mehr in der eigenen Praxis oder Klinik beantwortet werden.

Mit der Telemedizin können wir die ärztliche Erfahrung vernetzen und sozusagen die medizinwissenschaftliche Schwarmintelligenz nutzen. Gleichzeitig benötigen wir digitale Standardformate für den Datenaustausch. Aktuell wird unter Mitarbeit der DGKN durch die internationale Organisation DICOM (Digital Imaging and Communications in Medicine) dafür ein modernes Standardformat erarbeitet. Die Arbeit der DGKN geht also nicht aus – dafür brauchen wir natürlich engagierte und kompetente Kolleginnen und Kollegen.

Gemeinsam sind wir exzellent

Werden Sie Mitglied in der DGKN und lassen Sie sich Ihre neurophysiologische Arbeit zertifizieren. Finden Sie die passende Mitgliedschaft in unserer Community – vom Studium bis zum aktiven Ruhestand.

3.
Das leitet direkt zur dritten und letzten Frage über: Warum sollten junge (und natürlich auch fortgeschrittene) ÄrztInnen Mitglied in der DGKN werden?

Wer heute mit neurologischen Patienten arbeitet, deren Diagnostik und auch Therapie zunehmend auf neurophysiologischen Techniken basiert, muss auch über die rasanten aktuellen Entwicklungen informiert sein. Mitglieder der DGKN können die passenden Fortbildungen und Zertifikate erwerben. Eine zentrale Funktion der DGKN ist es auch, junge Neurophysiologen einzuführen und frühzeitig zu vernetzen sowie laufend Updates zu neuen Anwendungen zu geben: im Netzwerk der Jungen Klinischen Neurophysiologen der DGKN, im Rahmen des Richard-Jung-Kollegs und auf den Jahrestagungen.

Es geht um breit eingesetzte Methoden, genauso wie um aktuelle Entwicklungen: Die wachsende Verfügbarkeit und der Einsatz digitaler Gesundheits-Apps zum Beispiel machen es nötig, diese qualitativ zu beurteilen und durch klinische Studien zu validieren. Hier will die DGKN als Mittler zwischen Industrie, Behörden und Anwendern auftreten und wichtige Aufgaben übernehmen. Auf der kommenden DGKN Jahrestagung 2021 wird es zudem „Innovators-Symposien“ geben, auf denen technisch neue diagnostische und therapeutische Ansätze vorgestellt werden. 2020 unter dem Kongresspräsidenten Professor Ulf Ziemann stehen Fortschritte der Hirnstimulationsverfahren in Neurologie und Psychiatrie im Mittelpunkt – ein ebenfalls sich stark entwickelndes Feld der Klinischen Neurophysiologie.

Die internationale Vernetzung ist in unserem Fach extrem wichtig: So pflegen wir intensiven Kontakt mit internationalen Gesellschaften, laden internationale Referenten ein und verbinden Nachwuchskräfte mit der globalen Community. Diese Funktion kann in Deutschland nur die DGKN für ihre Mitglieder leisten.

Die DGKN erweitert ihre Angebote besonders für Nachwuchskräfte – und versammelt aktiv junge Kolleginnen und Kollegen aus dem gesamten Feld der neurophysiologischen Forschung und klinischen Anwendung aus den verschiedenen Fächern wie Neurologie, Psychiatrie, Neurochirurgie, Intensivmedizin, Physiologie u.a. unter dem Dach der DGKN. Der dynamische Motor dafür ist unser neuer Generalsekretär Professor Otto Witte, Direktor der Hans-Berger-Klinik für Neurologie in Jena.

You love Neurophysiology? You are welcome!

 

Interview: Frank A. Miltner, im November 2020